Kolonial-Komödie: ‚Die Entführung aus dem Serail‘ im Staatstheater Cottbus***

Martin Schüler, Intendant des Cottbusser Theaters und Regisseur der neuen Iinszenierung von Mozarts Türken-Oper aus dem Jahr 1782, hat die Geschichte dieser doppelten Entführung in die Kolonialzeit des frühen 20.Jahrhunderts verlegt und dadurch das Aufeiandertreffen zweier Kulturen dem Verständnis eines heutigen Publikums nähergerückt. Keine Rokoko-Puppen mit orientalischem Kolorit, sondern (fast) moderne Menschen, deren Verhaltensweisen kritisch wie komödiantisch vorgeführt werden.
Ein heller, eleganter, aber etwas angegammelter Salon (zerbrochenes Glasdach, bröckelnde Wände) mit prächtigem Ausblick auf Himmel und Meer, ein noch junger, hochgewachsen-attraktiver Selim Bassa mit Dreitagebart, ein ebenfall noch junger, body-gestählter Osmin als sein grobianistischer Haus-Verwalter sowie eine ganz Schar wieselnder Harems-Frauen unter schwarzen Burkas. In dieses hübsche Landhaus dringt – in weiß-smarter Uniform – der schneidige Belmomte ein, um seine geraubte Konstanze (samt ihres Dienerpaares) wieder in die spanische Heimat zu-rück-entführen. Doch die blonde Konstanze schwankt zwischen ihrer alten Bindung an Belmonte und der männlich-erotischen Ausstrahlung des Bassa. Und auch ihre kecke Zofe Blondchen – schwarzes Kleid, weißes Servierschürze – ist durchaus empfänglich für die Reize des strammen Osmin – obwohl sie ihrem Pedrillo bei entsprechender Frage handgreiflich klarmacht, bei wem ihre Priorität liegt.
Trotz aktualisierender Zutaten wie den säbelschwingenden, dschihadisten-ähnlichen Kriegern des Bassa, Selims rachsüchtigem „Allahu-Akbar“-Ruf oder den unterm Schleier schwatzend-kommentierenden Burka-Frauen – die Regie betont vor allem das Lustspiel. Viele hübsche Einfälle wie der mit Glühbirnen vituos jonglierende Osmin oder das slapstick-artige Spiel mit der langen (Entführungs-)Leiter werden ergänzt durch eine ausgefeilte Personenführung. Immer der Musik verpflichtet, zeichnet sie sich durch eine ebenso kluge wie genaue Charakterdeutung aus -  beispielsweise in der drastischen Sex-Attacke während Konstanzes großer Arie von den  „Martern aller Arten“.
Passend dazu betont Chefdirigent Evan Christ die dramatischen, rauheren Seiten der Musik, läßt die „türkischen“ Instrumente kräftig dazwischenfahren, das Lyrisch-Gefühlvolle wird weniger betont. Dadurch überzeugen bei den Sängern auch besonders das temperamentvolle Buffo-Paar: die kesse Katerina Fridland als Blonde und der flink agierende Hardy Brachmann als Perillo sowie Ingo Witzke als „Langer Lulatsch“ Osmin, auch wenn ihm (noch) die orgelnde Baß-Tiefe fehlt.
Als recht selbstbewußte Konstanze debütiert in dieser Rolle Laila Salome Fischer, beachtlich in der flexiblen Führung und Spannweite ihres hellen Soprans. Ein wenig fehlt es ihr -  wie auch dem etwas steifen Belmonte von Alexander Geller -  an Schmelz und Wärme;  aber dieser das Dramatische betonende  Singstil eignet sich bestens für diese realistische und flott-komödiantische Inszenierung von Mozarts vieldeutig-populärem „Culture-Clash“.

Foto: Marlies Kross/Staatstheater Cottbus

Premiere: 30.Jan./nächste Vorstellungen: 10./20./24.Feb.//24.März/03.April 2016